Ausgebremst – und jetzt?

Was ist uns wichtig? (Werte)

Der LockDown durch Corona führte zu einem widersprüchlichen Phänomen:
Stillstand und Veränderung standen erstmals gleichzeitig, nebeneinander auf derselben Seite. In unserem bisherigen Erleben waren dies immer Gegensatzpaare. Das war neu.

Die gesamte Pandemie und ihr weltweites Ausmaß ist für alle Menschen gänzlich neu, es gibt keine Erfahrungen, auf die irgendjemand zurückgreifen kann – auch unsere Einordnungsraster, die wir für neue Erlebnisse bemühen, passen plötzlich nicht mehr.

Im März mussten wir plötzlich alle Lebensbereiche neu organisieren.
Das gesamte Leben fand für sehr viele von uns plötzlich zu Hause statt.
Wohnen, Arbeiten, Essen, Freizeit: Zu Hause.
Und alle waren auch zu Hause – den ganzen Tag, immer.

Schule fand zu Hause statt, Toben, Spielen, Basteln – alles zu Hause. Zum Ausgleich traf man dann abends keine Menschenseele, die Kinder trafen keine Freunde und wie gesagt, alle waren immer da –  oder umgekehrt: es war den ganzen Tag und genauso am Abend niemand sonst da. Also entweder notorische Überbevölkerung oder Unterbevölkerung in den eigenen vier Wänden…

Wir haben in einem unglaublichen Tempo herausgefunden, wie gut oder schlecht wir mit uns selbst und mit unseren heimischen Mitbewohnern klar kommen, was uns fehlt, was uns nervt, was wir schätzen und was wir im LockDown eigentlich gar nicht vermisst haben.

Um dies herauszufinden brauchte es keine Ausgangssperre, wie sie so viele Menschen in unseren Nachbarländern erlebten. Im Vergleich dazu fühlte sich die Möglichkeit, zu jeder Zeit die Wohnung verlassen zu können doch schon eher privilegiert an.

Dieses Stückchen Freiheit hat Einigen geholfen, dann doch nicht am Rad zu drehen. Spaziergänge waren für viele der willkommene und notwendige Ausgleich.
War das Freiheit?


Was ist Freiheit?

Mit der Frage meine ich nicht die glücklicherweise im Grundgesetz verankerten bürgerlichen Grundrechte, sondern das ganz persönliche, ureigene Freiheitsempfinden von uns.

Was ist Freiheit für Sie?
Immer und überall alles machen zu können? Wirklich immer? Grundsätzlich – also privat und beruflich? Oder nur abends, am Wochenende? Geht es um freie Freizeitgestaltung oder um die Freiheit über das eigene Tun und Lassen selbst(-)bestimmen zu können?

Hingehen und fahren, also reisen zu können, wohin man gerade Lust hat oder ist es schon der abendliche Spaziergang?
Denken Sie bei dem Wort Freiheit an sich oder die ganze Herde? Wenn Herde, wie groß ist diese? Wer gehört alles dazu?

Beinhaltet Freiheit für Sie z.B. auch das freiwillige Tragen von Masken, um andere Menschen zu schützen? Oder bringen Masken nichts, weil sie den/ die Träger:in nicht einmal schützen?

Freiheit als Wert sagt sich ganz leicht. Aber bleiben Sie aufmerksam, der Begriff ist zwar immer derselbe, der Inhalt aber nicht unbedingt!


Werte

Die Lockdown-Phase durch COVID-19 haben viele Menschen als Konflikt zwischen den Werten Freiheit und Sicherheit erlebt.
Ist so ein Wertekonflikt ein unauflösbarer, ewiger Battle mit unbefriedigendem Ausgang?

Aber sind Freiheit und Sicherheit wirklich unüberwindbare Gegensätze oder bedingen sie sich bei genauer Betrachtung gegenseitig?

Ich glaube vielmehr, man kann das Eine nicht ohne das Andere haben. Freiheit ohne die Sicherheit einer stabilen Familie oder Partnerschaft als Basis oder ohne eine finanzielle Grundsicherheit oder ohne die aktuell stabile Gesundheit oder… dies fühlt sich schnell nicht nach Freiheit an, sondern eher nach Sorgen und Beschränkung.

Sicherheit ohne die Freiheit diese z.B. nach eigenem Entscheiden ab und zu verlassen zu können ist schnell eine Einschränkung. Persönliches Wachstum geschieht nicht in der Sicherheit der sogenannten Komfortzone, sondern in der Freiheit sich Neuem zuzuwenden und Risiken zu wagen.

Freiheit und Sicherheit sind dicht miteinander verwoben. Auch wenn wir Alle Menschen kennen, die eher sicherheitsbewusst oder eher freiheitsliebend sind, so schätzen wir doch in gewissen Maßen Beides.
Zu Beginn der Coronapandemie auf persönliche Freiheiten zu verzichten, fiel den meisten eher freiheitsliebenden Menschen nicht nur deshalb leicht, weil wir von einer temporären Situation ausgehen, sondern weil sie gleichzeitig die Sicherheit aller (auch der Eigenen) erhöht. Hinzu kommt, dass durch den freiwilligen Verzicht andere Werte gestärkt werden, wie z.B. Solidarität, Rücksicht, Menschlichkeit und Gemeinschaft.


Wertebalance

Herausragende Ereignisse im Leben können unser Wertesystem „durcheinander bringen“. Wir müssen eine neue Balance finden und das System neu austarieren.

Zurück zu Freiheit und Sicherheit.
Das Abwägen zwischen Beidem wird gesellschaftlich, politisch oder sozialwirtschaftlich, also in größeren Zusammenhängen immer wieder austariert, neu diskutiert und abgewogen werden müssen. Auf der persönlichen Ebene oder zwischen Personen müssen wir eigene Antworten auf diese Gratwanderung finden. Das Austarieren der beiden Werte beantwortet Fragen wie zum Beispiel:

  • Selbstständig oder angestellt?
  • ausgefeilte Verträge formulieren oder Vereinbarung per Handschlag?
  • Wechsel oder Bleiben? (Job, Umzug etc.)

Was hilft hier? Was ist uns wichtig, was wichtiger und was hilft bei den Entscheidungen?

Zum Beispiel andere, übergeordnete Werte:
Das können je nach Person und Situation Solidarität, Menschlichkeit oder Familie sein, um drei Beispiele zu nennen. Mit Blick darauf fällt es plötzlich ganz leicht zu entscheiden wo uns Sicherheit und wo uns Freiheit wichtig ist. Denn der Wert Familie, Solidarität  oder der Wert Menschlichkeit erstellen die Route. Der ursprüngliche Wertekonflikt löst sich auf und folgt der inneren Logik durch den Hauptwert. Dies hat übrigens nichts mit Wechselhaftigkeit oder Unentschlossenheit zu tun. Hier werden auf die vorliegende Situation ausgerichtete Prioritäten gesetzt.

In der Krise verschiebt sich u.U. die Wertehierarchie. Vermeintlich wichtige Werte rücken nach hinten und machen Platz für die Werte, die in der aktuellen Situation besonders wichtig sind.

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag:
Sie arbeiten in einem gut funktionierenden Team, in dem Loyalität untereinander und dem Arbeitgeber gegenüber gelebt wird. Bei der Frage nach ihnen wichtigen Werten wird ihnen aller Voraussicht nach Loyalität nicht als Erstes einfallen. In der weiterführenden Arbeit zu individuellen Werten und denen im Team, zum Beispiel mit der Frage „Was kennzeichnet für Sie gute Zusammenarbeit?“ würden auch unterschwellig tragende Werte wie Loyalität genannt werden. Ganz anders wird die Situation aussehen, wenn jemand aus der Runde das Loyalitätsgefühl verletzt hätte. In so einer Situation ist Loyalität unter den allerersten Werten, die den meisten Personen einfällt.

Unsere Werte benötigen ein Biotop, in dem sie artgerecht unterkommen und gelebt werden können.

Echte Werte sind immer universell, Sie haben niemals Personalpronomen!


mögliche Übung:

Machen Sie sich Ihre Hauptwerte bewusst.

Schreiben Sie 10-15 Werte untereinander, die Ihnen grundsätzlich oder im beruflichen Kontext besonders wichtig sind.

Nun unterstreichen Sie in ihrer Liste all die Werte, die für Sie im Moment wichtiger sind als die umliegenden Werte.
Nur Mut, kein Wert geht verloren, Sie streichen nichts weg, sondern legen lediglich Prioritäten fest!

Die unterstrichenen Werte werden in eine zweite Spalte übernommen und untereinander geschrieben.

Nun unterstreichen Sie auch in Ihrer zweiten Auflistung all die Werte, die für Sie im Moment wichtiger sind als die umliegenden Werte.

Mit den nun unterstrichenen Werten bilden Sie die dritte Spalte und fahren mit der Auswahl so lange fort, bis aus Ihrer anfänglichen Liste nur noch drei Werte übrig sind.

Hier stehen jetzt Ihre drei wichtigsten Werte!

Nun Hand aufs Herz! Ist für Sie einer der drei Werte noch wichtiger als die anderen? Ist einer der drei Werte sozusagen der Oberbegriff für einen anderen und dieser genau genommen in dem anderen enthalten? Macht einer der Werte ohne die anderen Ihrer Meinung nach keinen Sinn?

Diesen Wert kreisen Sie bitte ein. Dies ist ihr Hauptwert!

Das ist gleichzeitig ihr Kompass. Dies bestimmt ihr Handeln und danach be-wert-en Sie das was Sie sehen, Ihr soziales Umfeld, das Verhalten Ihrer Kolleg:innen, Freunde, Familie etc.

Was ist Ihnen wichtig? Egal, in welcher Situation Sie dies beantworten müssen: Ihr Hauptwert muss darin Platz finden können. Dann fühlen Sie sich wohl, Anstrengungen lohnen sich gefühlt und Widrigkeiten machen Ihnen nicht so viel aus.

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